Nicht mehr als 30-40 Minuten zu Fuß benötigen wir für unseren Weg, der uns aus dem Zentrum der Altstadt Richtung Norden führt. Die Gegend wird zunehmend ruhiger und die Gassen trostloser, bis wir plötzlich eine auffallend bunt bemalte Kirche bemerken, neben der sich der Eingang zum Friedhof befindet - wir sind da.
Der Friedhof Fontanelle ist eng verbunden mit den vielen tragischen Ereignissen in der Geschichte Neapels. Der ehemalige Steinbruch entwickelte sich 1654 erstmals zu einem Massengrab als durch die Pest täglich 1500 Menschen verstarben. Über die Hälfte der Neapolitaner fiel der Seuche zum Opfer und die städtischen Friedhöfe waren schnell überfüllt. Es folgten mehrere Hungersnöte, drei Volksaufstände ebenso viele Erdbeben und fünf Ausbrüche des Vesuvs.
Nach Ausbruch der Cholera im Jahre 1837 wurden weitere Leichname auf dem Friedhof angehäuft und es wurde verboten, die Toten weiterhin in den Kirchen innerhalb der Stadt zu begraben, weshalb unzählige Körper in das Beinhaus Fontanelle überführt und zur letzten Ruhe gebettet wurden. Diese Ruhe währte allerdings nicht ewig, denn heftige Regenfälle schwemmten Schlammlawinen mit Knochen und Schädeln über die Straßen des anliegenden Sanita Viertels. Daraufhin wurde der Friedhof neu organisiert. Die Gebeine wurden von den Anwohnern eingesammelt und fein säuberlich, niederschlagssicher aufgestapelt.
Ungefähr zu dieser Zeit verbreitete sich der Kult der L’anima pezzentella. Besonders ältere Damen "adoptierten" einen oder mehrere Schädel - wuschen und pflegten ihn, denn jeder Tropfen Wasser bedeutete für die im Fegefeuer schmorende Seele eine kühlende Linderung. Für die empfangenen Wohltaten wollten die Seelen sich natürlich revanchieren und unterstützen die Lebenden mit Wundern!
Je erfolgreicher die Zusammenarbeit mit dem Totenkopf verlief, desto mehr wurde er gepflegt und verwöhnt. Der Schädel wurde auf ein Seidenkissen gebetet, mit Schmuck verziert und mit Blumen dekoriert. Für jedes Wunder, das ein Schädel erwies, spendierte seine Fürsorgerin ihm eine weitere Verzierung oder gar ein eigenes Häuschen... wenn sich der Schädel hingegen trotz aller Zuwendung nicht revanchierte, suchte sich die Damen einen anderen Schädel, der sich hoffentlich als kooperativer erwies.